Mauerecho – Ost trifft West

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Folge 60: Wer nicht da ist, verliert: Überlassen wir die Jugend den Rechten?

Folge 60: Wer nicht da ist, verliert: Überlassen wir die Jugend den Rechten?4. Sept.48 Min.

Wer nicht da ist, verliert: Überlassen wir die Jugend den Rechten

Welche Einflussfaktoren entscheiden darüber, ob sich ein frustrierter, wütender Jugendlicher radikalisiert oder seine Wut in etwas Produktives umwandelt?

In einer früheren Folge von Mauerecho sagte Sarah Schröder von der Alten Spitzenfabrik, einem soziokulturellen Verein im sächsischen Grimma: „Es hätte damals nur einige Zufälle gebraucht und ich hätte auch bei den Nazis landen können.“

Christian Weißgerber, Gast der aktuellen Folge und ehemaliger Neonazi, erzählt uns, dass es ihm nicht anders ging. Nur landete er am Ende auf der anderen Seite:

„Aber ich würde auch sagen, in Eisenach gab es keine wirklich gut organisierten linken Strukturen und in meiner Familie ist vielleicht auch einfach ein bisschen zu viel Wert auf manche Sachen, die eher rechts sind, gelegt worden. Aber sonst hätte ich mit der Wut, die ich hatte, sicherlich auch ein extrem guter Linksaußen werden können. Das hat damals halt erst einmal nicht stattgefunden.“

Eine besondere Rolle spielt, wem Jugendliche begegnen und welche Gemeinschaft ihnen angeboten wird. Nach Weißgerbers Darstellung war die Nachwuchsgewinnung kein Nebeneffekt rechter Politik, sondern strategische Kernarbeit, für die die Szene niemals die Mittel gekürzt hätte. Wer sich nicht um den Nachwuchs kümmert, stirbt aus. So näherten sich rechtsextreme Kader jungen Menschen über Bekannte und Veranstaltungen mit Angeboten, die zunächst vor allem „ausreichend Spaß gemacht oder den Menschen einen sozialen Raum gegeben haben“.

Laut der Bayerischen Informationsstelle gegen Extremismus ist dies eine gezielte Strategie der rechtsextremen Szene. Sie nutzt Grillfeste, Konzerte, Fußballturniere und andere Freizeitangebote zur Ansprache Jugendlicher. Ideologische Botschaften werden eher beiläufig vermittelt und stehen zunächst im Hintergrund. Heute kann man gerade im Wahlkampf in Sachsen-Anhalt Ähnliches beobachten: Wahlkampftermine von Ulrich Siegmund erinnern eher an Volksfeste als an klassische Wahlkampfaktionen, die den Alltag nur für kurze Zeit durchschneiden. Rechtsextreme Strukturen erweitern ihre Strategie zudem auf weitere Zielgruppen.

Die BIGE beschreibt Radikalisierung als einen schleichenden und vielschichtigen Prozess. Wut, Frustration, mangelnde Anerkennung und Orientierungslosigkeit können eine Rolle spielen. Radikalisierungsprozesse verlaufen jedoch selten linear und haben nicht nur eine einzige Ursache.

Das bestätigt auch der Sozialwissenschaftler Daniel Kubiak, der ebenfalls in der aktuellen Folge zu hören ist. Haltlosigkeit, Wut und fehlende Anerkennung führen nicht automatisch in den Rechtsextremismus: „Man kann genauso gut die Fusion gründen oder zu den Backstreet Boys auf Konzerte gehen.“

Doch wo bleiben die Vorbilder, die Jugendlichen Alternativen aufzeigen, wenn es immer weniger entsprechende Angebote gibt? Viele Orte der Kinder- und Jugendarbeit sind verschwunden, wie der 17. Kinder- und Jugendbericht zeigt. Zwischen 2006 und 2020 sank die Zahl der Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit von 17.966 auf 13.617. Das ist ein Rückgang um 24,2 Prozent. Auch die Zahl der Jugendräume und Jugendheime ohne hauptamtliches Personal ging von 7.019 auf 3.183 zurück.

Das Bild ist allerdings nicht einheitlich: Klassische Jugendzentren blieben vergleichsweise stabil, die mobile Jugendarbeit nahm sogar zu. Der Bericht macht außerdem deutlich, dass der Rückgang unterschiedliche Ursachen haben kann. Die Zahlen beweisen deshalb nicht, dass der Verlust eines Jugendtreffs zu Radikalisierung führt. Sie dokumentieren aber, dass viele niedrigschwellige Räume weggefallen sind.

Dabei kommt es nicht allein auf Gebäude an. Laut den im Kinder- und Jugendbericht aufgeführten Untersuchungen des Deutschen Jugendinstituts hat pädagogisches Personal einen signifikant positiven Einfluss auf die Breite der Angebote und das ehrenamtliche Engagement. Jugendarbeit braucht Menschen, die zuhören, Beziehungen aufbauen und erreichbar bleiben.